Noche de las velitas

Auch vor Envigado macht die kolumbianische Beleuchtungsbegeisterung nicht halt. Im Gegenteil stellt die Moncada-Familie auch in diesem Jahr den Menschen in der Gemeinde eine nicht unbeträchtliche Summe für die Festdekoration zur Verfügung. Auf den 7. Dezember fällt das erste Fest der groß angelegten Weihnachtsfeierlichkeiten, die Ankunft Marias.

Die kolumbianische Weihnacht ist vor allem durch Musik und Tanz gekennzeichnet. So liegt über Envigado eine ausgelassene Fröhlichkeit und aus den Barrios schallen bis weit in die Nächte hinein mitreißende Rhythmen.

 

Miami calling

Das Erscheinen der jungen Frau ließ in Envigado so manchen Mann seinen Kopf drehen. Sie hat diese gepflegte lässige Eleganz an sich und strotzt vor Selbstbewusstsein. Viel hatte sie gesehen in den Jahren in Miami und nun war sie zurück in dem, was sie ihre Heimat nannte. Envigado.

Die Frau hatte sich in Miami einen Namen gemacht. La Cazadora. Den weniger Bewanderten Lesern sei versichert, diesen Namen bekam man nur, wenn man die Beute auch zuverlässig stellte. La Cazadora trifft auf der Terrasse des La Pasion eine Frau namens Gloria Moncada. Schon rein optisch fallen einem die Unterschiede ins Auge. Gloria trägt offiziell noch Trauer. Das Schwarz lässt sie blasser erscheinen und verleiht ihr einen Hauch von Distinguiertheit, den sie eigentlich charakterlich nicht besitzt. La Cazadora indessen bringt die Sonne von Miami an den Tisch. Die Sonne ist nicht ganz ungefährlich. Wer zu lange hinein sieht, erblindet vielleicht.

Viele Dinge geschehen in dieser Woche.

Ein junger Mann aus dem Barrio durchwühlt den Müll von einem gewissen Luiz Martinez und findet dort einen Zettel mit einer Telefonnummer. Der junge Mann hat keine Ahnung, welchen entscheidenden Hinweis er Händen hält.

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Der für harmlos gehaltene Gringo, der für den National Geographic arbeitet, sucht nicht nur im Dschungel nach Bildmotiven.

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Hector, der Besitzer des La Pasion,  plant seine Hochzeitsreise auf eine Insel, die zufällig günstig auf der Route zwischen Kolumbien und Kalifornien liegt.

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Idylle

In den Tagen nach der Festlichkeit nimmt das beschauliche Leben in Envigado wieder seinen Lauf. In den Hinterhöfen stinkt der Müll, die Kinder spielen in den Straßen Polizei und Sicario, Abenteuerlustige kommen und gehen, sofern sie nicht allzu waghalsig sind. Die federlosen Vögelchen zwitscheren ihre Liedchen für die, die sie dafür bezahlen.


Und obwohl alles so normal scheint, sind es doch Zeiten, in denen Umbrüche geschehen. Nach dem Tod eines Mannes wie Kiko Moncada müssen einige Fäden neu geknüpft, andere aus Loyalitätsgründen gekappt werden. Im Hotel steigt eine Frau ab, deren Lebensgeschichte gegen einen simplen Urlaub im kolumbianischen Hinterland spricht. Einige Male ist sie zu Gast in der Hacienda Moncada.

Envigado bekommt einen neuen Postboten. Auf den ersten Blick ein normaler Vorgang.  Doch der eine oder andere macht die Beobachtung, dass die Postzustellung sich manchmal ein wenig verzögert. Aber das ist zu wenig um wirkliche Verdachtsmomente zu schaffen, denn Pünktlichkeit ist ein Begriff, der in Kolumbien weit gefasst ist.

Die junge Amerikanerin, mit der der Hotelier den Bund der Ehe geschlossen hat, scheint in der Hacienda eingezogen zu sein. Manche erzählen sich hinter vorgehaltener Hand, dass sie manchmal ein wenig traurig aussieht. Anders als die Witwe von Kiko. Sie scheint ihr Leben in vollen Zügen zu genießen. Solche Geschichten schreibt nur das Leben, wenn die junge Braut die Trauermiene trägt und die schwarze Witwe sich in Lebenslust ergeht.

 

 

Salsa und Schnee

Zwei Tage rauschende Festlichkeiten locken zahlreiche Gäste in die Hacienda Moncada. Derweil Dosenbier und bröselige Cracker für die DEA, die tapfer auf ihrem Platz verweilt in der Hoffnung auf neue Erkenntnisse.

Eine Hochzeit ohne Tote

Im Buschwerk guten verborgen steht nahe der Auffahrt zur Hacienda der Moncadas ein Wagen mit einem Mann darin. Der Mann kam irgendwann von Italien aus in die Staaten und hat sich bis zur DEA hochgearbeitet. Die DEA kümmert sich um die großen Fische im Drogengeschäft, zumindest versucht sie das. Auch in Kolumbien.

Heute gehen viele Leute ein und aus in der Hacienda und der Mann hat viel zu gucken und zu notieren: Kleine Fahrer, die Kosmetikerin, ungewöhnlich viele Sicarios und er bekommt sogar richtig was geboten, zumindest falls es bei Alejandro Marcos Gesicht irgendwie klick machen sollte. Eine Amerikanerin mit Koffer.

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Jene Amerikanerin wird zwei Stunden im Brautkleid an der Hand von Alejandro Marcos bis vor die Kirche chauffiert, denn die Zeichen sind unübersehbar – es wird Hochzeit gefeiert im Moncada Clan. Zuvor hatten schon die Witwe und der Hotelier die Hacienda verlassen. Beide festlich gekleidet und auf den ersten Blick guter Dinge.

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Um zu verstehen wie lange der DEA Mann dort oben im Buschwerk steht und wartet, muss man wissen, dass viele Kolumbianer ihren Glauben sehr ernst nehmen. So ist es auch mit Gloria Moncada. Sie ist davon überzeugt eine gute Katholikin zu sein und eigentlich kann sie in dieser Überzeugung nur noch Hector Dominguez übertreffen, der Hotel – und Restaurantbetreiber, der mit ihr als erster die Hacienda verlässt. Ein wenig wie hineingeschossen steckt er in seinem zu engen, aber modischen und vor allem teuren Anzug. Und es versteht sich von selbst, dass gute Katholiken nur mit voller Messe vor den Altar treten.

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Dass auf den Dächern einige Sicarios postiert sind, scheint in der kleinen Stadt niemandem aufzufallen oder man stört sich eben nicht daran, als man sich jetzt in der Iglesia de Santa Gertrudis einfindet. Mit stoischer Disziplin lauscht man den Worten des Geistlichen, der sich mächtig ins Zeug legt, fast wie zu Weihnachten. Nach knapp zwei Stunden verlassen Hector Dominguez und die Amerikanerin als Mann und Frau das Gebäude. Reis wird geworfen. Die üblichen Glückwünsche. Jubel, Trubel, Heiterkeit und dem aufmerksamen Blick von Auftragskillern, die unangenehme Vorkommnisse möglichst verhindern sollen.

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Die Feier findet in der Hacienda statt und wie es aussieht, scheint die halbe Stadt eingeladen zu sein. Schon jetzt, während die Gäste sich noch in Bewegung setzen und im Konvoi über Piste bergaufwärts fahren, wird der DEA Mann hören, dass im Haus die Kapelle schonmal das Spielen anfängt. Denn in Kolumbien ist eine gute Hochzeit vor allem durch drei Dinge gekennzeichnet. Essen. Trinken. Und gute Musik.

((heute wird in der Hacienda gefeiert, Gäste können gern dazu kommen, sollten sich aber einen Einladungsgrund überlegen, wenn sie keine direkte Verbindung zum Kartell haben))

 

Realismo Mágico

0.0 Präambel

Unter magischem Realismus versteht man ein detailliert beschriebenes, reales Umfeld, über das etwas Seltsames und Unglaubliches hereinbricht. Nicht von ungefähr entstand der magische Realismus in Kolumbien.

1.0 Hasta nunca, Kiko Moncada

Der Lastwagen kriecht zunächst den Berg hinab wie ein träges, altes Tier. Laut und langsam. Es ist eines dieser Fahrzeuge, wie es die Bauern in Kolumbien im Allgemeinen nutzen. Vom Rost angefressen, aber niemals besiegt. An einer Biegung wird der Lastwagen kurz von der Vegetation verdeckt, die aus dichtem Buschwerk, Bäumen und Palmwedeln besteht. Vegetation, die die Stadt umzingelt hält und der man die Wege durch den Regenwald immer wieder aufs Neue abtrotzen muss. So ist das Leben hier in Envigado. Ein fortwährendes Ringen nicht nur darum, wer den Sieg erringt, sondern wer ihn auch verteidigen kann. Der Motor knattert und das Fahrzeug kommt wieder zum Vorschein. Wäre es nicht so weit entfernt, so könnte man Qualm sehen und den Gestank von verschmortem Plastik riechen.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Fahrer auf dem Weg runter in die Stadt die Vorsicht ein wenig außer Acht lassen und schneller werden. Die Steigung ist beträchtlich auf dem letzten Wegstück. Auch in diesem Fall ist es so, dass das ächzende und knatternde Gefährt immer mehr zu beschleunigen scheint bis zu dem Punkt, an dem ein jeder weiß. Es ist nun Zeit zu bremsen. In diesem Fall geschieht das nicht. Der tapfere kleine Lastwagen rollt in atemberaubender Geschwindigkeit über die Schotterpiste, die in die Avenida San Antonio mündet.

Dort poltert er über eine kleine Unebenheit und gerät ins Schleudern, mit der Stoßstange rammt er einen der Pfeiler aus morschem Holz, die das Wellblechdach einer kleinen Veranda stützen. Der Lastwagen vollzieht eine Drehung und prallt gegen eine der grob gemauerten Hauswände, nachdem er drei Passanten unter sich zermalmt hat. Dann gibt es einen lauten Knall. Er hallte von den Mauern der Favela und den umliegenden Bergen wider und die Exposion ist noch aus weiter Ferne zu sehen. Ein Pilz aus Feuer und Rauch. Die schmutzigen Fensterscheiben in der Nähe zerbersten und die Splitter aus Glas und Lastwagenteilen verletzen 5 weitere Menschen. Schaulustige kommen angerannt. Das was vom Lastwagen übrig ist, brennt aus. Die Favela verschwindet unter dichtem dunklen Qualm.

Die Frau mit der schwarzen Sonnenbrille zündet sich eine Zigarette an, als die Katastrophe unübersehbar wird. Sie steht vor einer Hacienda, deren Einrichtung mehr von Reichtum als von Geschmack zeugt. Die Böschung ist steil und an dieser Stelle bildet die Vegetation eine Lücke, so dass man über das viele Grün hinwegsehen kann. Von dieser Stelle aus hat die Frau einen guten Blick, nicht nur auf die Iglesia de Santa Gertrudis, sondern auch auf die Explosion. Die Frau inhaliert tief und bläst den Rauch durch die Nasenlöcher wieder aus. Schließlich lässt sich von einem gut gekleideten jungen Mann ein Aguardente bringen, das sie hastig und entschlossen trinkt.

 

 

 

 

 

 

 

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